Der Untersee: der stille Westen des Bodensees
Wer am Bodensee Urlaub macht, landet meist in Lindau, Meersburg oder Friedrichshafen. Der Untersee bleibt dabei oft außen vor, und genau das ist sein Vorteil. Zwischen Konstanz, Radolfzell und Stein am Rhein liegt ein Gewässer, das ruhiger, flacher und in weiten Teilen naturnäher ist als der große Bruder im Osten.
Was ist ein Untersee überhaupt?
Der Begriff stammt aus der Gewässerkunde. Ein Untersee ist das flussabwärts gelegene Becken eines Seensystems, verbunden mit dem oberen Teil durch eine kurze Flussstrecke. Am Bodensee übernimmt diese Rolle der Seerhein, der auf etwa vier Kilometern durch die Stadt Konstanz fließt und den Obersee mit dem Untersee verbindet. Danach verlässt der Rhein das Becken bei Stein am Rhein wieder und fließt Richtung Schaffhausen.
Der Untersee misst rund 63 Quadratkilometer und ist damit deutlich kleiner als der Obersee. Entscheidender ist die Tiefe: Große Teile liegen unter zehn Metern, nur im Rheinsee geht es auf etwa 46 Meter hinunter. Dieses flache Wasser erwärmt sich schneller, trägt mehr Pflanzen und zieht andere Tiere an. Die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz verläuft mitten hindurch, am Südufer liegt der Schweizer Thurgau, am Nordufer Baden.
Zeller See, Gnadensee und Rheinsee: drei Becken im westlichen Bodensee
Der Untersee ist kein einheitliches Gewässer, sondern zerfällt in Teilbecken. Der Zeller See liegt im Nordwesten vor Radolfzell und ist der flachste Abschnitt, teils nur drei bis fünf Meter tief. Der Gnadensee schiebt sich zwischen die Insel Reichenau und das Festland bei Allensbach und Markelfingen. Südlich und westlich der Insel folgt der Rheinsee, der tiefste Teil im westlichen Bodensee, der bei Eschenz in den Rhein übergeht.
Diese Dreiteilung erklärt, warum der Untersee so unterschiedlich wirkt. Am Gnadensee sieht man vom Ufer aus Schilfgürtel und das Gegenufer in zwei Kilometern Entfernung. Auf dem Zeller See bei Westwind stehen kurze, steile Wellen. Und auf dem Rheinsee hat man bei klarer Sicht die Silhouette des Hegau mit seinen Vulkanen im Rücken.
Die Insel Reichenau und der Blick vom Wasser
Die Insel Reichenau ist der bekannteste Ort am Untersee. Seit 2000 steht die Klosterinsel auf der UNESCO-Welterbeliste, Grund sind die drei romanischen Kirchen in Oberzell, Mittelzell und Niederzell sowie die Wandmalereien in St. Georg. Gleichzeitig ist die Insel Reichenau das größte zusammenhängende Gemüseanbaugebiet am Bodensee. Gewächshäuser, Salatfelder und Hofläden prägen das Bild mindestens so stark wie die Sakralbauten.
Ein Damm von 1838 verbindet die Insel mit dem Festland, flankiert von Pappeln. Auto, Bus und Rad kommen darüber, zu Fuß dauert die Querung etwa 25 Minuten. Wer mehrere Tage bleibt, findet auf der Insel Reichenau und in Allensbach eine große Zahl an Ferienwohnungen, viele davon in Familienbetrieben mit eigenem Gemüseanbau. In der Hochsaison zwischen Juli und September sind diese Ferienwohnungen früh ausgebucht, außerhalb der Sommermonate ist die Lage entspannter und die Preise liegen spürbar niedriger.
Wollmatinger Ried und die Flachwasserzonen als Vogelrevier
Zwischen Konstanz und dem Reichenaudamm liegt das Wollmatinger Ried, eines der bedeutendsten Naturschutzgebiete am Bodensee und Teil eines Ramsar-Gebiets. Über 300 Vogelarten wurden hier registriert, darunter Zwergtaucher, Löffelenten und im Durchzug große Trupps nordischer Gänse. Betreten darf man die Kernzone nicht, aber der Naturschutzbund bietet geführte Exkursionen an, die von Frühjahr bis Herbst stattfinden.
Die Flachwasserzonen rund um den Untersee sind der Grund für diesen Artenreichtum. Wo der See nur knietief ist, wachsen Armleuchteralgen und Laichkräuter, dort laichen Fische und rasten Vögel. Für Naturfreunde ist der westliche Bodensee deshalb im Oktober und November fast interessanter als im Hochsommer. Wer mit dem Fernglas unterwegs ist, sollte Abstand zu den Schilfzonen halten, auch mit dem Kanu.
Schifffahrt auf dem Untersee: von Konstanz nach Stein am Rhein
Die klassische Fahrt führt vom Hafen in Konstanz den Seerhein hinunter, am Wollmatinger Ried vorbei, zwischen Insel Reichenau und Festland hindurch bis nach Stein am Rhein. Betrieben wird die Strecke von den Bodensee Schiffsbetrieben gemeinsam mit der Schweizerischen Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein. Reine Fahrzeit für die Gesamtstrecke: etwa dreieinhalb Stunden bergab, flussaufwärts dauert es länger.
Zu den Kosten: Einfache Fahrten auf Teilstrecken bewegen sich meist im unteren zweistelligen Bereich, eine einfache Fahrt Konstanz bis Stein am Rhein liegt je nach Saison ungefähr zwischen 20 und 30 Euro, Tagestickets für die gesamte Strecke etwas darüber. Kinder fahren deutlich günstiger, unter sechs Jahren meist kostenlos. Die Tarife werden jährlich angepasst, und zwischen deutschen und Schweizer Anbietern gelten unterschiedliche Bedingungen, ein Blick in den aktuellen Fahrplan lohnt also vor der Buchung. Tickets gibt es am Schalter im Hafen, an Bord und online. Die Saison läuft üblicherweise von Ostern bis Mitte Oktober, im Winter ruht der Linienverkehr auf dem Untersee weitgehend.
Stein am Rhein selbst ist der Höhepunkt vieler Tagesausflüge. Die bemalten Fassaden am Rathausplatz, die Burg Hohenklingen über der Stadt und die Lage direkt am Ausfluss des Untersees machen den Ort zu einem der meistfotografierten der Bodenseeregion. Wer vormittags anreist, hat die Gassen noch für sich.
Kann man im Untersee baden?
Ja, und zwar an vielen Stellen gut. Das flache Wasser erwärmt sich schneller als im Obersee, im Juli und August liegen die Oberflächentemperaturen oft bei 22 bis 25 Grad. Beliebte Badestellen sind das Strandbad in Markelfingen, die Anlagen in Radolfzell, Allensbach und Gaienhofen sowie mehrere freie Zugänge am Ufer der Insel Reichenau. In Markelfingen fällt der Grund sehr sanft ab, was für Kinder praktisch ist, aber auch bedeutet, dass man ein Stück laufen muss, bis das Wasser wirklich trägt.
Wichtig: In den Naturschutzgebieten ist der Zugang zum Wasser eingeschränkt, Schilfzonen sind tabu. Die Wasserqualität im Untersee wird regelmäßig beprobt und ist in der Regel gut bis ausgezeichnet. Nach starken Regenfällen kann es kurzzeitig trüb werden, vor allem in der Nähe von Zuflüssen.
Mit dem Rad rund um den Untersee
Der Bodensee Radweg führt komplett um den westlichen Bodensee herum. Die Runde Konstanz, Insel Reichenau, Radolfzell, Höri, Stein am Rhein und zurück nach Konstanz misst rund 90 Kilometer und lässt sich an einem langen Tag fahren, besser aber auf zwei verteilen. Der Bodensee Radweg verläuft hier fast durchgehend flach und ufernah, Steigungen gibt es nur an wenigen Stellen auf der Höri.
Praktisch ist die Kombination aus Rad und Schiff: Man radelt eine Richtung und nimmt für den Rückweg das Kursschiff, Fahrräder werden gegen Aufpreis mitgenommen, allerdings in begrenzter Zahl. Wer den Bodensee Radweg im Juni oder September fährt, trifft auf angenehme Temperaturen und weniger Gegenverkehr als in den Sommerferien. Zwischen Radolfzell und Markelfingen verläuft die Route direkt am Zeller See, mit Blick auf die Mettnau und das Gegenufer.
Hegau, Höri und Otto Dix: Kultur abseits des Wassers
Hinter Radolfzell beginnt der Hegau. Hohentwiel, Hohenkrähen, Mägdeberg und Hohenstoffeln sind erloschene Vulkane, deren harte Schlotfüllungen die Eiszeitgletscher stehen ließen. Die Burgruine Hohentwiel über Singen gilt als eine der größten Festungsruinen in Deutschland, der Aufstieg dauert gut 30 Minuten und endet mit einem Rundblick über den gesamten westlichen Bodensee. Diese Vulkane sind das markanteste Landschaftselement der Region und auf vielen Wanderwegen erschlossen. Wer die Vulkane ernsthaft erkunden will, plant mindestens zwei Tage ein.
Kulturinteressierte zieht es auf die Halbinsel Höri. In Gaienhofen lebte Hermann Hesse von 1904 bis 1912, sein Wohnhaus ist heute Museum. Nur wenige Kilometer weiter, in Hemmenhofen, steht das Haus von Otto Dix, der hier ab 1936 im Rückzug arbeitete. Otto Dix malte den Untersee und den Hegau immer wieder, die Bilder hängen teils im Museum Haus Dix direkt am Ufer. Ein Besuch beider Orte lässt sich gut mit einer Einkehr in einem der Restaurants am See verbinden.
Unterkunft, Anreise und Planung
Die Tourismusorganisation Regio Konstanz Bodensee Hegau vermittelt Gastgeber auf deutscher Seite, von Ferienwohnungen auf Bauernhöfen bis zu Hotels in der Stadt Konstanz. Als Reiseziel funktioniert der Untersee sowohl für ein verlängertes Wochenende als auch für zwei Wochen. Wer Ferienwohnungen auf der Insel Reichenau oder in Gaienhofen sucht, sollte für den Sommer vier bis sechs Monate vorher buchen. Günstiger wird es im Hinterland Richtung Hegau, von dort sind es mit dem Rad 20 bis 30 Minuten ans Wasser.
Angereist wird über Singen oder Konstanz mit der Bahn, der Seehas verbindet beide Städte im Halbstundentakt und hält unter anderem in Radolfzell, Markelfingen und Allensbach. Ein Auto braucht man am Untersee nicht zwingend. Als Reiseziel für alle, die Landschaft, Geschichte und Wasser ohne den Trubel des Obersees suchen, ist dieser Teil des Bodensees schlicht ein Traum. Still, überschaubar und in der Nebensaison fast menschenleer.
